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15
Feb.

MENSCH 4.0 – GEDANKEN IM DIGITALEN ZEITALTER.

gepostet von Ilka Prinz

Vor kurzem habe ich die Bezeichnung „Mensch 4.0“ gelesen und mich gefragt, was 4.0 mit Mensch zu tun hat. Diese Bezeichnung klingt für mich wie der Name einer neuen Roboterserie. Dennoch stellte sich für mich wieder einmal die Frage, was den Menschen, was uns, in diesem unserem Zeitalter auszeichnen darf. Welche Charaktere sind zukünftig nötig? Wie dürfen wir in dieser komplexen Welt Entscheidungen treffen? Und welche Qualitäten benötigen wir?

Ja, egal, wohin wir schauen in der (Berufs-) Welt – wir kommen um Irgendetwas 4.0 nicht herum – Industrie 4.0, Mittelstand 4.0, Arbeit 4.0, Führen 4.0, Consulting 4.0. Unser digitalisiertes Zeitalter stellt uns vor neue Herausforderungen, wirft neue Fragen auf, zeigt, dass Arbeit und auch Leben anscheinend komplexer sind und es immer noch werden. Und wir? Wir wollen vorbereitet sein. Gerüstet. Es geht um viel. Wenn nicht sogar um alles. Der Druck im Kessel steigt. Nur die besten werden gewinnen. Die Konkurrenz ist groß. Die Konkurrenz schläft nicht. Wir haben viel zu verlieren. Was haben wir zu gewinnen? Wir müssen wachsam sein, unsere Position behaupten. Und natürlich ausbauen. Was haben wir zu gewinnen? Fachkräfte werden rarer. Der Kampf geht weiter – um Menschen, Vormachtstellungen, Märkte. Ein Kampf ums Überleben? Und wir mittendrin? Wir sollen flexibler werden – noch anpassungsfähiger. Was waren wir denn vorher die ganze Zeit? Träge, unflexibel, zu wenig anpassungsfähig? Wohl kaum – wenn ich auf die lange Geschichte der Menschheit zurückschaue… Doch kommt Leute, da geht noch was! Ihr denkt, ihr seid am Limit? Ihr denkt, das worauf ihr geht, ist schon euer Zahnfleisch? Weitgefehlt! Macht euch locker und beißt die Zähne zusammen. Vernetzt euch, wo es nur geht! Noch mehr! Wir können nur gewinnen. Was genau eigentlich?

VUKA ist die neue Zauberformel unserer Zeit. Volatilität, Unsicherheit, Komplexität, Ambiguität sind die neuen Schlagworte. Wir leben in einer VUKA-Welt! Taten das nicht auch Generationen vor uns? Ist unsere Zeit jetzt vielleicht volatiler, unsicherer, komplexer, mehrdeutiger als die Zeiten in der Vergangenheit? Ist diese Frage überhaupt sinnvoll? Wie kann ich die Vergangenheit mit dem was jetzt ist vergleichen, ohne durch die Augen derer zu schauen, die damals vor den Herausforderungen ihrer Zeit standen? Andererseits ist unsere Welt natürlich komplex geworden und dadurch auch mehrdeutig und dadurch auch volatil und dadurch unsicher. Im Rahmen des jeweils herrschenden Fortschritts einer Ära war das immer so. Das Bedienen der ersten Eisenbahn war auch komplexer als das Halten der Zügel. Das Fahren im ersten Auto war auch unsicherer als das Reiten auf dem Pferd. Das Wohnen in einem Holzhaus mit Strohdach war volatiler als das Wohnen in einer Höhle.

Was meine ich damit? Jede Zeit und jede Neuerung ist eine Herausforderung für die Generation, die sie erlebt. In 100 Jahren – so Mutter Erde dann noch von Menschen bewohnt wird – werden unsere Nachkommen über die Herausforderungen unserer Zeit den Kopf schütteln, lächeln und gleichzeitig andere haben – von denen wir heute noch nichts ahnen. Verzeihen Sie den Sarkasmus. Natürlich stehen wir vor großen Herausforderungen. Wissen verändert sich schneller als früher. Da hat es für ein halbes Leben gereicht, einen 16 bändigen Lexikonsatz im Regal zu haben. Technologie macht größere Sprünge. Was ist in den letzten 20 Jahren alles entwickelt worden! Die Konkurrenz ist größer und günstiger. Schauen wir uns allein den asiatischen Markt an.

Mensch 4.0 und dennoch Mensch 1.0!

Und dennoch – ich höre hin, beobachte, stelle mir Fragen und eine Frage, die ich mir stelle ist: Wo bleibt der Mensch bei all dieser Technik? Also ich meine diese zweibeinigen Wesen aus Fleisch und Blut und Gefühlen. Diese Wesen, die nicht auf Knopfdruck funktionieren und trotz aller sozialer Medien immer noch nicht 100% virtuell sind. Hinter jedem virtuellen „Freund“ steht jemand, der real existiert. Hinter jeder E-Mail, die geschrieben wird, verbirgt sich jemand, der sie geschrieben hat und hinter jeder, die empfangen wird jemand, der sie liest. Hinter jeder Zahl auf tausenden von Powerpoint-Folien verbergen sich menschliche Lebewesen. Sind das Menschen 4.0? Jeder Mensch ist ein Kind seiner Zeit und dennoch verbindet uns mit den Generationen vor uns eines: Wir bestehen aus Fleisch und Blut. Wir haben Hoffnungen, Wünsche, Träume. Wir haben Ängste, Sorgen, Befürchtungen. Wir freuen uns, wir sind wütend, wir schämen uns. Wir werden mal krank und wieder gesund. Wir lieben es, geliebt zu werden, anerkannt, gewertschätzt. Wir wollen gesehen werden. Wir wollen etwas leisten, bewegen, entwickeln. Wir brauchen Phasen der Ruhe, der Einkehr, der Entspannung. All das gestaltet sich für jeden anders, hat für jeden andere Qualitäten und andere zeitliche Abstände.

Bei aller Digitalisierungsfreude, Computerisierungsfreude, Sozialermedieneuphorie brauchen wir auch ein „back to the roots“ – im wahrsten Sinne des Wortes. Wir dürfen uns wieder verwurzeln – mit Mutter Erde und vor allem auch mit uns. Wir dürfen uns in unserem Sein entdecken und uns weniger über unser Tun und Haben identifizieren. Wir dürfen uns wie ein Baum selbst nähren anstatt dies ständig von unserer Umwelt zu erwarten. Wir dürfen uns als Lebewesen wieder schätzen und achten – denn wir sind nicht binär kodiert, wir sind komplexer. Wir dürfen uns auf uns besinnen und weniger mit anderen vergleichen. Wir dürfen verstehen, was uns ausmacht – einzigartig macht, individuell macht. Nicht das Smartphone, das „jeder“ hat macht Individualität aus, das Auto, das „jeder“ fährt, die Klamotten die „jeder“ trägt, den Urlaub, den „jeder“ macht. Ja, wir dürfen uns auf uns selbst besinnen und nicht jeder Mode hinterherrennen. Wir dürfen uns selbst wertschätzen, um andere besser wertzuschätzen. Wir dürfen mehr auf uns schauen als auf andere. Wir dürfen uns selbst verändern, statt andere verändern zu wollen. Wir dürfen bei uns, in uns ankommen, um in uns zu ruhen. All das braucht es dringend, um dem 4.0 um uns herum gewachsen zu sein. Atemlosigkeit, Erschöpfung, Burnout und der persönliche Optimierungswahn im Außen zeigen dies deutlich. Ist der „Mensch 4.0“ ein getriebener, ständig abgelenkter, in virtuellen Welten reisender Kontrolletti, der nur noch ein Leben durch Knopfdruck führt. Der ohne Alexa handlungsunfähig ist, seinen gesunden Menschverstand entsorgt hat – umweltschonend natürlich? Der auf der Fahrt aus dem Urlaub von weitem seinen Kühlschrank auf Inhalt checkt, die Wohnung auf wohlige 20°C – alles andere wäre Energieverschwendung – vorheizt und somit jegliche Spontanität verlernt?

Der „Mensch 4.0“ wird sich mehr und mehr auf seinen gesunden Menschverstand und seine Intuition verlassen müssen, um in dieser komplexen Welt Entscheidungen treffen zu können. Sein angelerntes Wissen wird zu begrenzt sein, um die wachsende Komplexität zu erfassen. Er wird mehr und mehr in sich und an sich selbst angebunden sein müssen. Er wird seine innere Stimme hören und ihr vertrauen müssen, denn im Außen wird er immer weniger befriedigende Lösungen finden – zu viele Interessengruppen ringen um seine Aufmerksamkeit. Er wird seine Unvollkommenheit akzeptieren und bereit sein müssen, Fehler zu machen.

Er wird die Gegenbewegung zu all dem sein müssen, was war und was noch ist, um so mit dem Außen 4.0 gesund, (verantwortungs-)bewusst, friedlich umgehen zu können.